Die Bitterkeit des Alltäglichen

Ein neues Buch erarbeitet die Geschichte der Forchheimer Juden - Vergebliche Spurensuche

Eine beparkte Baulücke und ein unverbindlicher Gedenkstein auf der anderen Straßenseite - mehr Erinnerung ist in Forchheim an die vielhundertjährige jüdische Vergangenheit nicht geblieben. Ein neu erschienenes Buch setzt nun wenigstens ein publizistisches Denkmal.

Juden auf einem LKW

Schmählicher Schlusspunkt einer langen Geschichte: Im November 1941 wurden die letzten Forchheimer Juden deportiert und wenige Wochen später bei Riga ermordet. Der Abtransport wurde im Auftrag der Stadtverwaltung fotografisch dokumentiert. Die Bilder tauchten erst 2002 wieder auf.

Die jüdische Geschichte Forchheims ist frei von Exklusivität. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren nicht so prominent wie etwa in Buttenheim, von wo einstmals Levi Strauss auszog, um sein Jeans-Imperium zu gründen; die Synagoge war nicht so stadtbildprägend wie in Gunzenhausen, und der jüdische Bevölkerungsanteil mit maximal 4,8 Prozent im Jahr 1880 (von da an stetig rückläufig) bei weitem geringer als in vielen unter- und mittelfränkischen Dörfern, wo bis zu einem Drittel der Einwohner Juden waren.

Doch gerade die Durchschnittlichkeit macht die Bitterkeit aus. Der wachsende Antisemitismus der 1920er-Jahre, der sich hier vor allem in einem vielgelesenen NS-Parteiblatt Luft machte; die Mutation Forchheimer Kleinbürger zu einem verwüstungs- und prügelwütigen Mob in der Pogromnacht von 1938, schließlich die Deportation der letzten Juden vor den Augen der Stadtöffentlichkeit: Das pure Grauen war in Nazi-Deutschland banaler Alltag geworden. » Was sich in Forchheim ereignet hat, kann als Paradigma für das jüdisch-deutsche Zusammenleben in drei Jahrhunderten betrachtet werden «, schreibt Buchautor Rolf Kilian Kiessling.

Damit ist allerdings angedeutet, dass sich - was manche Publizisten vergessen - die jüdische Geschichte in Deutschland und Franken nicht auf die Katastrophe des 20. Jahrhunderts beschränkt. In Forchheim lebten »Schutzjuden« des Bamberger Bischofs schon im Mittelalter, und die drei Jahrhunderte der dritten jüdischen Gemeinde, um die es in Kiesslings Buch geht, kann man in weiten Teilen durchaus als Erfolgsgeschichte erzählen.


Der Textilwarenladen von Philipp Gröschel


Auf dem rechten Bild ist der Textilwarenladen von Philipp Gröschel zu sehen: Ein Beispiel erfolgreicher jüdischer Geschäftstätigkeit im wilhelminischen Forchheim.

Die Forchheimer Juden waren vielfach erfolgreiche Geschäftsleute, deren zuverlässige Warenqualität bis weit ins Umland geschätzt wurde. In der stürmischen Forchheimer Industrialisierung des ausgehenden 19. Jahrhunderts waren gleich fünf große Betriebe in jüdischer Hand, darunter die Papierfabrik Ellern, zeitweise eines der bedeutendsten Unternehmen seiner Branche in Deutschland. 1808 ließ die kleine Stadtgemeinde eine neue Synagoge erbauen, die im Laufe der Jahrzehnte mit wertvollem Inventar ausgestattet wurde.

Mochten die Forchheimer auch manche spöttische Redewendung auf die kleine Minderheit in ihren Reihen münzen - etwa diesen Fastnachtsspruch: » Der mit seiner longa Nosn / Der muss die Trompedn blosn. / Die Trompedn geht net los / weil sei Nosn is zä groß! / Fosänochd! « - so war dies doch noch lange kein Ausdruck nachbarlicher Böswilligkeit. Die Juden waren eben etwas anders. Na und?

Die folgenschwere Radikalisierung kam erst mit dem rassisch motivierten Antisemitismus, seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert salonfähig und von den Nationalsozialisten zum völkischen Credo erhoben. Im Forchheimer » Streiter «, einem braunen Schundblatt nach » Stürmer « - Manier, mutierten die ehedem harmlosen Verslein zu brachialer Polemik. Nach Empfehlung von Herausgeber und NS-Ortsgruppenleiter Gottlieb Kärgelein sollten die Forchheimer Bauern zuhause Warntafeln anbringen: » Juden ist der Zutritt zu diesem Hof bei Lebensgefahr verboten! « Protest erhob sich keiner. Ein paar Jahre später war auch das altfränkische Kleinstadt-Soziotop reif für die Exzesse der Gewalt, die die alte jüdische Tradition auch in Forchheim auslöschten.


Dieser Artikel von Thomas Greif ist entnommen aus
Sonntagsblatt, Evangelische Wochenzeitung für Bayern, Jg. 2005, Nr. 3 vom: 16.01.2005